Leitfaden der Abfallwirtschaft in Bergregionen

von Amt für amtliche Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften - publications.europa.eu | - Datum der letzten Änderung :

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Vorwort

Einer der dramatischsten Aspekte der Entwicklung unserer modernen Gesellschaften ist die Umwandlung von natürlichen Ressourcen im Rahmen industrieller Prozesse und die sich daran anschließende Rückführung von Abfällen in die Umwelt. Während das Wirtschaftswachstum zwischen 1990 und 1995 bei 6,5 % lag, ist das Abfallaufkommen im selben Zeitraum um 10 % gestiegen. Die Notwendigkeit, Wirtschaftswachstum und Abfallerzeugung zu entkoppeln und die Gesellschaft zu „entmaterialisieren“ wird eine der größten Herausforderungen des nächsten Jahrhunderts sein.

Kein bewohntes Gebiet mit Produktionstätigkeiten (zu denen auch der Fremdenverkehr zählt) bleibt von diesem Problem verschont. Ein noch dramatischeres Ausmaß nimmt das Problem der Abfallbeseitigung jedoch in Gebieten an, in denen die natürliche Umwelt selbst der Grund für die wirtschaftliche Entwicklung ist und in denen Anthroposphäre und Biosphäre besonders eng miteinander verbunden sind. Zu diesen Gebieten zählen sicherlich die Gebirgsregionen.

Die Erzeugung von Abfällen für sich allein betrachtet stellt bereits ein Problem dar. Die Abfallbeseitigung, d. h. die Beförderung der Abfälle zwecks Rückgewinnung (Wiederverwertung) oder Beseitigung (Verbrennung, Deponierung) ist ein weiterer Faktor, der die Umwelt belastet. Keiner Gesellschaft ist es bisher gelungen, „nachhaltige“ Abfallbeseitigungsmodelle einzuführen, d. h. Modelle, die keine nennenswerten Umweltbelastungen mit sich bringen, für deren Kosten künftige Generationen aufzukommen hätten. Und wahrscheinlich gibt es auch kein Abfallbeseitigungsmodell, das künftige Generationen nicht belastet, es sei denn, die derzeitigen Produktionsund Verbrauchsmodelle würden grundlegend geändert, nämlich durch eine weitgehende „Entmaterialisierung“ der Gesellschaft.

Da eine Gesellschaft, die keinen Abfall erzeugt, unvorstellbar ist, muß zur Begrenzung schädlicher Auswirkungen auf die Umwelt das Problem der Abfallbeseitigung in Gebirgsregionen anders angegangen werden, wozu in erster Linie eine klare Vorstellung über die sachlichen Zwänge erforderlich ist, die sich aus den geographischen Gegebenheiten, den sozioökonomischen Faktoren und den klimatischen Bedingungen ergeben. Auch darf nicht aus den Augen verloren werden, daß bei der Abfallbeseitigung in Gebirgsregionen zur Erreichung derselben Ergebnisse größere und kostenaufwendigere Anstrengungen erforderlich sind als in anderen Gebieten. Es ist undenkbar, „herkömmliche“ Abfallbeseitigungsmodelle auf Gebirgsregionen zu übertragen, es sei denn, es wird eine Gefährdung der Natur selbst und damit der Haupteinnahmequelle der Gebirgsregionen in Kauf genommen. Zugleich ist es nicht vorstellbar, die Gebirgsregionen von Umweltvorschriften und -normen auszunehmen, da sich deren Lage dadurch nur weiter zuspitzen würde.

Dieser „Leitfaden“ soll den für die Abfallbeseitigung in den Gebirgsregionen auf lokaler Ebene Verantwortlichen Lösungsansätze aufzeigen, die dabei helfen, die Umwelt und damit die örtliche Wirtschaft weniger zu belasten.

Der Leitfaden kann weder mit Patentrezepten noch mit völlig neuartigen Lösungen aufwarten, aus dem einfachen Grund, daß es diese für die Abfallbeseitigung nicht gibt (abgesehen von der Reduzierung der Erzeugung und des Verbrauchs materieller Güter). Die neuen Technologien der Abfallbeseitigung vermögen weder das Problem zu lösen noch erlauben sie es, die Umweltauswirkungen auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Was dieser Leitfaden jedoch nachdrücklich aufzeigt, ist die Tatsache, daß eine Politik der „kleinen Schritte“ vonnöten ist, die auf dem Sammeln wiederverwertbarer Bestandteile in den Haushalten, auf der Kompostierung und der Verwendung von Mehrwegflaschen aufbaut.

Ein weiterer wichtiger Punkt betrifft den Umstand, daß dieser Leitfaden das Ergebnis von Erfahrungen in verschiedenen Gebirgsregionen Europas ist, so daß umfangreiche und konstruktive Vergleiche möglich waren. Dieser europäische Charakter der Studie wiederum ist der Garant dafür, daß der Leitfaden in allen Gebirgsregionen der Europäischen Union gute Dienste leisten kann.